Sechsundzwanzig Elfchen

  • Beitrags-Kategorie:Texte
  • Lesedauer:4 min Lesezeit

Während einer langen Zugfahrt nach Berlin wollte ich mich daran versuchen, Elfchen zu schreiben. Wochen zuvor gab es dazu hatte ich mich an einem Schreibworkshop beteiligt und fand das einen netten Zeitvertreib im Zug. Elf Elfchen, dachte ich, wird wohl zu schaffen sein. Erstmal angefangen flossen 24 Elfchen aufs Papier. Während meines Aufenthalts in Berlin kamen dann noch zwei weitere hinzu. Es machte echt Spaß, für Begriffe, die mir so in den Sinn kamen, ein Gedicht in diesem einfachen Format zu verfassen.

Mate­rie

Mate­rie
fes­tes Licht
auf kleins­tem Raum
Ener­gie gefan­gen im Wir­bel
Träg­heit

Zucker­mund

Zucker­mund
grü­ne Augen
Frucht­eis bei Napo­li
Sie genießt die Deko­kir­schen
heiß

Unsicht­bar

Unsicht­bar
lei­se tas­tend
Schrit­te mit Bedacht
da gnarz­te der Boden
Schreck­se­kun­de

Sin­gu­la­ri­tät

Sin­gu­la­ri­tät
unend­lich kom­pakt
Son­nen umkrei­sen sie
wie Mot­ten die Ker­ze
Schwer­punkt

Kaf­fee

Kaf­fee
kolum­bia­ni­sche Boh­nen
gerös­tet und gemah­len
über Hose und Hemd –
Ver­schwen­dung

Ehr­geiz!

Ehr­geiz!
Gib alles!
Du schaffst das!
Du hast die Kraft!
Super!

Tem­po­rär

Tem­po­rär
zeit­lich begrenzt
auf Erden wan­deln
nur die Spu­ren blei­ben
Bezie­hungs­filz

Bier­fla­sche

Bier­fla­sche
am Boden
da liegt sie
Scher­ben im eige­nen Saft
Schütt­run­de

Tablet

Tablet
flachs­tes Design
wie dickes Papier
Post­bo­te hat’s zwei­mal gefal­tet –
Kaputt

Lei­se

Lei­se
sie schläft
weckt sie nicht
sonst mault sie wie­der
Pss­s­s­s­sst

Nichts

Nichts
alles weg
nicht mal Luft
weder Mate­rie noch Ener­gie
Oumm­m­m­m­m­m­m­mm…

Schmet­ter­lin­ge

Schmet­ter­lin­ge
umein­an­der tan­zend
mit unsicht­ba­rem Band
über Wie­sen und Bäche
Ver­liebt­sein

Idee

Idee
leuch­ten­der Gedan­ke
mit einem Wolf­ram­fa­den
ver­brei­tet ein ver­bo­te­nes Licht
Her­zens­wär­me

Rückenwind

Rücken­wind
ganz geschwind
sur­ren die Peda­le
doch mit einem Male
Rad-Helm-Ast-Geschepper

Radeln

Radeln
im Grü­nen
den Berg hin­auf
und auch wie­der run­ter
Huiiiiiiiiiiii!

Wiesenfarben

Wie­sen­far­ben
meist grün
da­zu gel­be Kleck­se
auch blaue und ro­te
Far­ben­me­lo­die

Religion

Reli­gi­on
das Wort
DU mus­st glau­ben
oh­ne Dich geht’s nicht
Erlö­sung

Worte

Wor­te
elf Freun­de
ver­bun­den mit Bedacht
we­ben flugs ein Bild
Elf­chen

Nachbarin

Nach­ba­rin
hüb­sch an­zu­se­hen
mit lo­cki­gem Haar
ist lei­der nicht al­lein
Mist

Überkopf

Über­kopf
Unter mir
zie­hen die Wol­ken vor­bei
und oben klaf­fen­der Boden
Schwe­re­los

Dutzend

Dut­zend
dop­pelt sechs
drei mal vier
al­le mit ge­mein­sa­mer Mit­te
Kuss­zahl

Gewitter

Gewit­ter
ein Blitz
und ein Don­ner­schlag
Gesprä­che ver­stum­men, Glas split­tert
Atem­los

Zugfahrt

Zug­fahrt
Rat­tam rat­tam
Wäl­der und Städ­te
hu­schen am Fens­ter vor­bei
Aus­sichts­stak­ka­to

Ende

Ende
stimm­lo­ser Schrei
nicht fer­tig ge­lebt
Schat­ten wei­chen grel­lem Licht
Neu­be­ginn

Sommer

Som­mer
sechs­und­drei­ßig Grad
mein gro­ßes Vanil­le­eis
fällt der Gra­vi­ta­ti­on an­heim
Saue­rei!

Masten

Mas­ten
wer­fen Schat­ten
auf dem Acker
Elek­tro­nen sur­ren im Wind
Bzzzzzzzzzz…

Sven

Sven Wachsmuth wurde 1978 geboren, ist in Emleben bei Gotha aufgewachsen, wohnt seit 2003 in Erfurt. Er experimentiert seit Anfang der 1990er sowohl mit den kreativen Dingen, die man so mit einem Computer anstellen kann als auch mit traditionellen Techniken wie Schreiben, Zeichnen, Fotografie und Modellbau. Inspiration findet er in der Natur und der Geometrie. mehr erfahren

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